Erklärung zur Besetzung der GSEE-Gewerkschaftszentrale (Griechenland)

Dezember 19, 2008 at 7:36 am (Politisches) ()

Erklärung zur Besetzung der GSEE-Gewerkschaftszentrale (Griechenland)

http://www.fau.org/artikel/art_081217-132319

Erklärung der ArbeiterInnen-Versammlung in der besetzten GSEE-Gewerkschaftszentrale in Athen

Am Mittwoch, den 17.12.2008, wurde in Athen das Zentralgebäude der
Gewerkschaft GSEE von aufständischen ArbeiterInnen besetzt. Die
BesetzerInnen riefen in Flugblättern alle ArbeiterInnen zu einer
Vollversammlung im “befreiten” Gebäude für den Mittwochabend um 18 Uhr
auf. Diese Vollversammlung verabschiedete eine Erklärung, die wir für
eines der bislang wichigsten Dokumente in den seit Tagen andauernden
sozialen Auseinandersetzungen in Griechenland halten. Wir haben sie
deshalb übersetzt und dokumentieren sie hier zusammen mit dem Aufruf
zur Vollversammlung, der sich in verschiedenen Sprachen gerade auch an
die migrantischen ArbeiterInnen in Griechenland richtet.

Update: Die Gewerkschaftsbonzen waren sauer über die
Besetzung der Zentrale der GSEE durch rebellische ArbeiterInnen. Etwa
50 Bürokraten kamen am Mittag mit Bodyguards vorbei, um das Gebäude
zurückzuerobern, verschwanden aber beim Anblick von AnarchistInnen aus
der Wirtschaftsuniversität, die schnell herbei geeilt waren und
Solidaritätsparolen riefen.

Entweder wir bestimmen unsere Geschichte selbst, oder andere werden sie ohne uns bestimmen
Wir
hier geborenen oder zugewanderten ArbeiterInnen, Angestellte,
Erwerbslose, ZeitarbeiterInnen sind keine passiven TV-GlotzerInnen.
Seit dem Mord an Alexandros Grigoropoulos Samstag Nacht nehmen wir an
den Demonstrationen teil, an den Zusammenstößen mit der Polizei, den
Besetzungen der Innenstadt oder der Wohnviertel. Immer wieder haben wir
unsere Arbeit und unsere täglichen Verpflichtungen sausen lassen um mit
den SchülerInnen, StudentInnen und den anderen kämpfenden
ProletarierInnen auf die Straße zu gehen.

Wir haben entschieden, das Gebäude der GSEE zu besetzen

Um es in einen Ort des freien Meinungsaustausches und in einen Treffpunkt für ArbeiterInnen zu verwandeln

Um den von den Medien verbreiteten Irrglauben zu zerstören, dass
die ArbeiterInnen nicht an den Zusammenstößen der letzten Tage
beteiligt waren oder sind sondern dass diese Sache von 500
“Vermummten”, “Hooligans” und anderen Ammenmärchen seien. Auf den
Fernsehschirmen werden die ArbeiterInnen als Opfer der Unruhen
dargestellt, während gleichzeitig die kapitalistische Krise in
Griechenland und der restlichen Welt zu unzähligen Entlassungen führt,
die von den Medien und ihren Managern als “natürliches Phänomen”
behandelt werden.

Um die Rolle der Gewerkschaftsbürokratie bei der Untergrabung des
Aufstandes – und nicht nur dort – aufzudecken. Die GSEE und der ganze
seit Jahrzehnten dahintersteckende gewerkschaftliche Mechanismus,
untergraben die Kämpfe, handeln Brotkrumen für unsere Arbeitskraft aus
und verewigen das System der Ausbeutung und der Lohnsklaverei. Das
Vorgehen der GSEE an letzten Mittwoch (dem Tag des Generalstreiks -
Anmerkung www.fau.org) ist ziemlich erhellend: Die GSEE setzte eine
vorgesehen Demonstration der streikenden ArbeiterInnen ab, stattdessen
gab es eine kurze Kundgebung am Syntagma Platz, bei der sie
gleichzeitig dafür sorgte, dass die Leute in aller Eile den Platz
verließen, aus Furcht davor, dass sie mit dem Virus des Aufstandes
infiziert werden könnten.

Um diesen Ort, der mit unseren Beiträgen erbaut wurde, von dem wir
aber ausgeschlossen waren, zum ersten Mal zu einem offenen Ort zu
machen. Einem offenen Ort in Fortsetzung der sozialen Öffnung, die der
Aufstand hervorgebracht hat. All die vielen Jahre haben wir an unser
Schicksal geglaubt, die Retter für alles Mögliche zu sein und haben
dabei unsere Würde verloren. Als ArbeiterInnen müssen wir unsere Dinge
selbst in die Hand nehmen und Schluss damit machen, unsere Hoffnungen
auf kluge Anführer oder “fähige” Vertreter zu übertragen. Wir müssen
uns gegen den Großangriff, der auf geführt wird, eine eigene Stimme
erobern, uns treffen, miteinander reden, zusammen entscheiden und
handeln. Der Aufbau von kollektivem Basis-Widerstand ist der einzige
Weg dazu.

Um die Idee von Selbstorganisaton und Solidarität in den Betrieben,
den Kampfkomitees und dem kollektiven Handeln der Basis zu verbreiten
und dadurch die bürokratischen Gewerkschaften abzuschaffen.
All
die Jahre haben wir das Elend hinuntergeschluckt, die Zuhälterei, die
Gewalt auf der Arbeit. Wir haben uns daran gewöhnt, die Verkrüppelten
und die Toten – die sogenannten “Arbeitsunfälle” – einfach nur noch zu
zählen. Wir haben uns daran gewöhnt, zu ignorieren, dass die
MigrantInnen, unsere Klassengeschwister, getötet werden. Wir haben die
Schnauze voll davon, mit der Angst um unseren Lohn, die Steuern und
eine Rente zu leben, die sich mittlerweile wie ein in die Ferne
entrückter Traum anfühlt.

So wie wir darum kämpfen, unsere Leben
nicht an die Bosse und die Gewerkschaftsvertreter zu verlieren, so
werden wir auch keinen der verhafteten Aufständischen alleine lassen,
die sich in den Händen des Staates und der Justizmaschine befinden.

Sofortige Freilassung der Festgenommenen!

Keine Strafe für die Verhafteten!

Selbstorganisation der ArbeiterInnen!

Generalstreik!

Die ArbeiterInnen-Versammlung im “befreiten” Gebäude der GSEE
Mittwoch, 17. Dezember 2008, 18:00

Die Generalversammlung der aufständischen ArbeiterInnen

Der Text auf dem Transparent:

Angefangen von den so genannten Arbeitsunfällen bis hin zu den kaltblütigen Hinrichtungen – Staat und Kapital morden!
Stoppt die Repression – sofortige Freilassung der Gefangenen!
Generalstreik!
Die Selbstorganisation der Arbeiter wird der Grabstein der Bosse sein!
Unterzeichnet
ist das Transparent mit den Initialen der Gewerkschaft GSEE,
BesetzerInnen haben dem aber eine neue Bedeutung gegeben – die
Buchstaben GSEE steht jetzt für “Vollversammlung der aufständischen
Arbeiter”!

Der Aufruf zur Vollversammlung

Migrantische Kollegen,

heute
Morgen wurde das Zentralgebäude der GSEE (Allgemeiner Gewerkschaftsbund
Griechenlands) von Betriebsgruppen und aufständischen Arbeitern besetzt.

Die
GSEE ist ein bürokratischer Apparat, der im Interesse der Regierung und
der Bosse agiert. Momentan ist die GSEE-Zentrale eine befreite Zone der
arbeitenden Bevölkerung.

Wir rufen euch auf gemeinsam mit uns
über die Fortführung des Kampfes in der Vollversammlung, die heute
nachmittag um 18 Uhr stattfinden wird, zu entscheiden. (Patision Str.
69 Ecke L. Alexandra Str.) Die Zeit ist reif. eure Meinung zählt, eure
Stimme wird gehört werden.

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